"...From so amazing a combination of mental wants, passion, and ideas, I could only gather presentiments of what might, perhaps, afterwards grow more clear to me. Happily, I had already prepared if not fully cultivated myself on this side, having in some degree appropriated the thoughts and mind of an extraordinary man, and though my study of him had been incomplete and hasty, I was yet already conscious of important influences derived from this source. This mind, which had worked upon me thus decisively, and which was destined to affect so deeply my whole mode of thinking, was Spinoza. After looking through the world in vain, to find a means of development for my strange nature, I at last fell upon the Ethics of this philosopher. Of what I read out of the work, and of what I read into it, I can give no account. Enough that I found in it a sedative for my passions, and that a free, wide view over the sensible and moral world, seemed to open before me. But what especially riveted me to him, was the utter disinterestedness which shone forth in his every sentence. That wonderful sentiment, "He who truly loves God must not desire God to love him in return," together with all the preliminary propositions on which it rests, and all the consequences that follow from it, filled my whole mind. To be disinterested in everything, but the most of all in love and friendship, was my highest desire, my maxim, my practice, so that that subsequent hasty saying of mine, "If I love thee what is that to thee?" was spoken right out of my heart. Moreover, it must not be forgotten here that the closest unions are those of opposites. The all-composing calmness of Spinoza was in striking contrast with my all-disturbing activity; his mathematical method was the direct opposite of my poetic humour and my way of writing, and that very precision which was thought ill-adapted to moral subjects, made me his enthusiastic disciple, his most decided worshipper. Mind and heart, understanding and sense, sought each other with an eager affinity, binding together the most different natures. [Original in German: ...Aus einer so wundersamen Vereinigung von Bedürfnis, Leidenschaft und Ideen konnten auch für mich nur Vorahndungen entspringen dessen, was mir vielleicht künftig deutlicher werden sollte. Glücklicherweise hatte ich mich auch schon von dieser Seite, wo nicht gebildet, doch bearbeitet und in mich das Dasein und die Denkweise eines außerordentlichen Mannes aufgenommen, zwar nur unvollständig und wie auf den Raub, aber ich empfand davon doch schon bedeutende Wirkungen. Dieser Geist, der so entschieden auf mich wirkte und der auf meine ganze Denkweise so großen Einfluß haben sollte, war Spinoza. Nachdem ich mich nämlich in aller Welt um ein Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehn hatte, geriet ich endlich an die »Ethik« dieses Mannes. Was ich mir aus dem Werke mag herausgelesen, was ich in dasselbe mag hineingelesen haben, davon wüßte ich keine Rechenschaft zu geben; genug, ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaften, es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzutun. Was mich aber besonders an ihn fesselte, war die grenzenlose Uneigennützigkeit, die aus jedem Satze hervorleuchtete, jenes wunderliche Wort »Wer Gott recht liebt, muß nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebe,« mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so daß jenes freche spätere Wort »Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?« mir recht aus dem Herzen gesprochen ist. Übrigens möge auch hier nicht verkannt werden, daß eigentlich die innigsten Verbindungen nur aus dem Entgegengesetzten folgen. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben, seine mathematische Methode war das Widerspiel meiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise, und eben jene geregelte Behandlungsart, die man sittlichen Gegenständen nicht angemessen finden wollte, machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer. Geist und Herz, Verstand und Sinn suchten sich mit notwendiger Wahlverwandtschaft, und durch diese kam die Vereinigung der verschiedensten Wesen zu stande."
Baruch Spinoza

January 1, 1970