""Ich glaube, Vater hat nicht bemerkt, daß fremde Fernsehkünstler die Gefühle seiner Frau aufbrauchten. Er war schon froh darüber, daß sie überhaupt wieder einmal neben ihm saß und sich bei den gleichen Gelegenheiten amüsierte wie er. Vielleicht hatten sie ein Innenleben; ein Leben hatten sie nicht mehr. Ich wußte damals nicht, daß sich in unserem Wohnzimmer zwei Exemplare eines Jahrhunderttypus ausbildeten: Menschen, die mit Hilfe des Fernsehens die Fatalität ihres Lebens aushielten. Als Kind glaubte ich, das Fernsehen sei Schuld an der Zerstörung unserer Familie. Erst später war zu erkennen, daß die Reihenfolge umgekehrt war: Zuerst erloschen die Menschen, dann kam das Fernsehen und unterhielt die Erloschenen." Wilhelm Genazino Die Liebe zur Einfalt. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1990. 87"
January 1, 1970